
Imkern auf
Augenhöhe
Imkern auf Augenhöhe
In über 50 Millionen Jahren haben die Honigbienen gezeigt, daß sie den Herausforderungen der Evolution gewachsen sind. Sie haben sich bis heute gegen eine Vielzahl von Feinden, Krankheiten und Bedrohungen behauptet. Die Bienen wissen in der Regel was sie brauchen und was zu tun ist. Als Imker sollten wir deshalb ihren Fähigkeiten vertrauen und von ihnen lernen. Meiner Erfahrung nach treffen die Bienen im Zweifelsfall oftmals die besseren Entscheidungen.
Ich verstehe meine imkerliche Rolle, als Unterstützer, als Helfer, der eingreift, wenn die Bienen mal Hilfe brauchen oder etwas aus dem Ruder läuft. Ansonsten lasse ich die Bienen meistens einfach machen .


Orientierung an der natürlichen Lebensweise der Honigbienen
Eine bienenfreundliche oder wesensgemäße Bienenhaltung muss sich an der natürlichen Lebensweise der Honigbienen orientieren. Der amerikanische Wissenschaftler Professor Dr. Thomas D. Seeley hat hierzu beeindruckende Untersuchungen durchgeführt. Ich kann die Lektüre seiner Bücher nur empfehlen.
Jede Abweichung von der natürlichen Lebensweise stellt für die Bienen eine Belastung dar, mehr oder weniger. Dem gegenüber stehen die Bedürfnisse und Interessen des Imkers, wie einfaches Arbeiten, gute Zugänglichkeit, detaillierte Informationen über den Zustand des Biens und natürlich ein Honigertrag. Eine wesensgemäße Imkerei stellt für mich deshalb einen Kompromiss dar, bei dem möglichst viele Aspekte der natürlichen Lebensweise in die Bienenhaltung einfließen und die Eingriffe und Belastungen durch den Imker auf das Notwendige reduziert sind. Wie weit man das treibt, hängt vom Imker ab.
Ich versuche bei meiner Art der Bienenhaltung möglichst viele Aspekte der natürlichen Lebensweise der Honigbienen einfließen zu lassen, auch wenn dadurch der Aufwand für mich höher ist. Dies betrifft die Behausung, den Lebensbereich und den Umgang mit den Bienen.
Wichtige Basis-Elemente meiner Betriebsweise
- Unversehrtheit der Bienen
- Behausung aus natürlichen Materialien mit Eigenschaften nach natürlichem Vorbild
- Einzelaufstellung der Beuten
- Naturwabenbau im ungeteilten Brutraum
- Integrität (Unverletztheit) des Brutnestes
- Vermehrung über den Schwarm
- Natürliche Standbegattung der Königin
- Überwinterung auf möglichst viel eigenem Honig
- Förderung der Anpassungsmechanismen der Honigbiene gegen die Varroa-Milbe, mit dem langfristigen Ziel der behandlungsfreien Imkerei
- Varroa-Behandlung ausschließlich mit organischen Säuren
- Keine künstliche Königinnenzucht
- Kein Austausch von Bienen und Waben unter den Völkern

Unversehrtheit der Bienen
Eigentlich selbstverständlich, aber häufig auch wieder nicht: Die Biene werden nicht bewußt oder vorsätzlich getötet, verletzt oder verstümmelt!
Die Flügel der Königin werden nicht beschnitten um ein Schwärmen zu verhindern.
Es wird keine Drohnenbrut herausgeschnitten, als Maßnahme zur Varroa-Bekämpfung. Die Bienen entscheiden selber, wieviel Drohnenbrut sie anlegen. Ich denke, sie wissen am besten wieviel sie für „ihren Plan“ zur jeweiligen Jahreszeit brauchen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man als Imker am Drohnenanteil viel über den Zustand des Biens ablesen kann.
Meine Beuten
Ich verwende 2 Beutentypen, die Gerstungbeute fürs Imkern und die Klotzbeute für eine naturnahe Bienenhaltung. Interessant sind hier die teils gleichen und teils abweichenden Beobachtungen bzw. Verhaltensweisen der Bienen. Ich baue meine Beute und Rähmchen selber.
Die Gerstungbeute
Die Gerstungbeute ist eine doppelwandige Holzbeute mit Platz für max. 15 Rähmchen. Die hochformatigen Gerstung-Rähmchen bieten genug Platz für ein gut ausgebildetes, rundes Brutnest. Auf eine Drahtung der Rähmchen kann jedoch und soll, aufgrund des stabilen Wabenbaus, verzichtet werden. Die Gerstung-Beute weist mit 10 – 12 Rähmchen, was der normalen Ausstattung eines Volkes entspricht, ein Volumen von ca. 38 – 45 l auf und liegt damit im Bereich des von Thomas Seeley ermittelten Ideal-Volumens von ca. 40 l. Die doppelwandige Ausführung mit Stroh- / Holzspäne- / Schafwoll-Füllung bietet eine gute Wärmeisolierung. Kleine Bohrungen in den Innenwänden ermöglichen einen Luftaustauch, wodurch die Füllung auch zur Zwischenspeicherung von Feuchtigkeit dient. Damit wird ein möglichst gleichbleibendes Innenklima erreicht, was den Bienen ein ständiges Heizen bzw. Kühlen weitgehend erspart.


Die Beute hat auf der Rückseite eine große Schwenktür und läßt damit eine Bearbeitung von oben und hinten zu, was ein großer Vorteil ist, da viele Arbeiten ohne ein komplettes Öffnen der Beute durchgeführt werden können.
Im Brutraum wird ausschließlich mit Naturwabenbau gearbeitet, d.h. die Bienen können ihren Wabenbau dort selbst gestalten. Künstliche Mittelwende werden im Brutraum generell nicht verwendet.
Die Rähmchen im Brutraum werden als sogenannte Schließrähmchen ausgeführt. Im eingebauten Zustand bilden sie zwei geschlossene Seitenwände, die den Bienen das Gefühl eines geschlossenen Hohlraums vermitteln, und eine zusätzliche, isolierende Luftschicht zwischen Rähmchen und Beuten-Innenwand schaffen.
Die Rähmchen werden nicht gedrahtet oder mit anderen wabenstabilisierenden Einrichtungen (Holzstäbe etc.) versehen. Das Gerstung-Maß macht dies in der Regel nicht erforderlich. Natürlich sind die Rähmchen / Waben beim Herausnehmen aus der Beute trotzdem vorsichtig zu behandeln. Dies gilt insbesondere für frisch gebaute Waben und Waben die noch nicht oder nur wenig von den Bienen an den Seitenteilen der Rähmchen befestigt wurden.
Die Klotzbeute
Klotzbeuten werden aus einem Abschnitt eines Baumstammes hergestellt, in den über eine Öffnung, nach Zeidler-Art, ein Hohlraum von ca. 40 – 50 l eingearbeitet wird. Der Hohlraum simuliert eine Specht-Höhle in einem Baum, der natürlichen Behausung wildlebender Honigbienen. Die Klotzbeute ist damit deutlich naturnäher als andere Beutentypen. Imkern mit einer Klotzbeute ist schwieriger, u.a. wegen des Stabilbaus. Ich nutze die Klotzbeute nur zur naturnahen Bienenhaltung, um zu Beobachten und zu Lernen. Ich denke, die Bienen fühlen sich sehr wohl in einem Baumstamm.


Die Standorte
Honigbienen sind ursprünglich Waldbewohner! In der natürlichen Umgebung dienen z.B. verlassene Specht-Höhlen als Behausung. Bienenvölker leben nur selten in unmittelbarer Nähe zu anderen Bienenvölkern. In der Regel halten sie einen deutlichen Abstand von mehreren hundert Metern. Bei einer wesensgemäßen Bienenhaltung ist dies zu berücksichtigen.
Ich wähle für die Aufstellung der Beuten stets einen schattigen, windgeschützten Platz im Wald, am Waldrand oder zumindest unter großen Bäumen. Idealerweise bekommt die Beute etwas Morgensonne. Zu den wärmeren Tageszeiten soll sie beschattet stehen. Das Flugloch ist bei der Aufstellung möglichst nach Süd bis Süd/Ost auszurichten.
Nach natürlichem Vorbild stehen die Beuten einzeln. Ich strebe einen Abstand von mindestens 500 m zum nächsten Bienenvolk an. Dieser Abstand gilt nicht nur zu eigenen, sondern auch zu fremden oder wilden Bienenvölkern. Durch den Abstand wird die Übertragung von Krankheiten und Parasiten stark reduziert, genauso wie die Gefahr der Räuberei im Spätsommer.
Integrität (Unverletztheit) des Brutnestes
Als ich mit der Imkerei / Bienenhaltung begann, hat mir ein Imkermeister gesagt, daß eine Veränderung des Brutnests durch den Imker, einer Vergewaltigung des Biens gleichzusetzen ist! Die Königin hat bei der Eiablage eine bestimmte Rute auf den Waben, Ferdinand Gerstung hat das mal versucht zeichnerisch darzustellen. Entfernt man Waben im Brutnest oder fügt welche hinzu oder verdreht auch nur eine, passen die Laufwege der Königin nicht mehr zum Wabenwerk. Dort wo leere Zellen zum Bestiften sein sollten, sind dann evtl. leere Rähmchen oder verdeckelte Zellen etc.. Die Abstände in den Wabengassen stimmen nicht mehr, die Wege zu den Vorräten verändern sich. Nichts paßt mehr. Deshalb muß das Brutnest bei einer wesensgemäßen Bienenhaltung unbedingt und zu jeder Zeit unangetastet bleiben.


Vermehrung über den Schwarm
Der Schwarm ist der einzige natürliche Weg des Biens sich zu vermehren um neue Völker zu bilden. Dem entsprechend ist der Schwarmtrieb bei der wesensgemäßen Bienenhaltung und meiner Betriebsweise ausdrücklich erwünscht. Der Schwarm ist ein wesentlicher Bestandteil des natürlichen Bienen-Daseins und bildet für das Volk den Höhepunkt des Bienenjahres. Wer einmal dabei ist, wenn ein Volk schwärmt und sieht wie die Bienen, wie ein Wasserfall aus der Beute strömen, wie sie eine riesige Bienenwolke bilden, um sich kurz danach in einer Traube zu einem neuen Volk zusammen zu finden, kann diese unglaubliche Energie spüren. Dieses „Fest“ kann und will ich den Bienen nicht nehmen. Ich lasse meine Bienenvölker deshalb schwärmen!
Ziel der Betriebsweise ist es aber auch regional-angepasste Bienenvölker zu etablieren und zu vermehren. Bei Bedarf versuche ich deshalb Schwärme einzufangen. Dafür wende ich zwei Methoden an:
1. Direkter Schwarmfang, d.h. die Bienentraube in eine Schwarmbox einschlagen
2. Mittels Schwarmfangkästen, die an vielversprechenden Orten aufgehängt werden
Ansonsten lasse ich die Schwärme auch gerne mal ziehen, in der Hoffnung, daß sie Ihren Weg in der Natur machen, auch wenn die Chancen, aufgrund der gerade zum Ende des Sommers oft schlechten Trachtbedingungen, nicht so gut sind. Nur so bekommt die Natur aber die Chance sich mit den großen Herausforderungen für die Bienen auseinanderzusetzen und durch evolutionäre Auslese Lösungen zu finden. Auch ein abgeflogener Schwarm ist deshalb als wichtiger Beitrag zur Schaffung einer gesunden, regional angepassten Biene. Ich halte das gerade in Bezug auf die Varroa-Milbe für wichtig, denn wildlebende Honigbienen haben an vielen Orten der Welt, schon das geschafft, was der Mensch, trotz 40 Jahren intensiver Forschung und Züchtung, nicht geschafft hat, nämlich einen Weg zur Koexistenz der Honigbiene mit der Varroa-Milbe zu finden. Die meisten wildlebenden Völker sterben nicht an der Varroa-Milbe, sie verhungern! Da müssen wir ansetzen!

Natürliche Standbegattung der Königin
Ich lasse die Natur entscheiden, welche Drohnen zum Zug kommen. Das „Verfahren“ hat sich über Millionen Jahre bewährt und fördert vielfältige Eigenschaften des Bienenvolks.

Überwinterung auf möglichst viel eigenem Honig
Honig ist weit mehr als eine Zuckerlösung. Er enthält viele weitere, wichtige Inhaltsstoffe, die wesentlich zur Gesundheit der Bienen beitragen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Bienen, die sich nur von einer Zuckerlösung, anstelle von Honig ernähren müssen, eine deutlich verkürzte Lebensdauer haben und anfälliger für Krankheiten sind. Ziel dieser Betriebsweise ist es daher, die Bienen auf ihrem eigenen Honig zu überwintern. Zuckerlösung wird nur als Not-Ergänzung der bieneneigenen Vorräte verwendet, um ausreichende Vorratsmengen zu erzielen.
Ich versuche Maßnahmen zu treffen, um den Bienen die Bildung von ausreichend Wintervorräten zu ermöglichen. Hierzu gehört u.a. die Schaffung von Platz, durch Einsetzen von zusätzlichen Rähmchen, sowie die zeitliche Planung des Aufsetzens des Honigraums. Solange die Bienen nicht ausreichend Vorräte angelegt haben, wird kein Honig entnommen. Generell wird auch nur Honig aus dem aufgesetzten Honigraum entnommen, niemals aus dem Brutraum-Bereich!
Förderung der Anpassungsmechanismen der Honigbiene gegen die Varroa-Milbe, mit dem langfristigen Ziel der behandlungsfreien Imkerei
Der Umgang mit der Varroa-Milbe ist ein zentrales Thema meiner Betriebsweise. Einerseits ist es wichtig die Bienen, vor allem die Winterbienen, vor übermäßiger Schädigung durch die Varroa-Milbe bzw. die dadurch übertragene Virenlast zu schützen. Andererseits ist es aber ebenso wichtig, daß die Bienen Kontakt mit den Milben haben, den Umgang lernen und dadurch möglichst Abwehrmechanismen entwickeln, die irgendwann zu einer Koexistenz führen. Ein dritter Aspekt ist, dass die Bienen und wiederum vor allem die Winterbienen möglichst wenig gegen Milben behandelt werden sollten, da auch sie durch den Kontakt mit den organischen Säuren leiden bzw. Schaden nehmen.
Die Behandlungsstrategie hat deshalb nicht zum Ziel, die Varro-Last auf „Null“ zu bringen, sondern auf ein Maß mit dem das Bienenvolk umgehen kann, ohne Gefahr daran zu sterben. Hierbei spielt natürlich auch die Gesundheit des Bienenvolkes, die u.a. durch eine Honig-Ernährung und die Vermeidung von Stresssituationen gefördert wird, eine wichtige Rolle, genauso wie eine genaue Beobachtung durch den Imker!


Im Klartext bedeutet das, daß ich versuche die Bienen gesund und stressfrei zu halten, damit sie Zeit und Energie haben sich mit der Varroa-Milbe zu befassen. Ich kontrolliere regelmäßig den Milbenstand durch Windeldiagnose. Dabei schaue ich nicht nur auf die toten Milben, sondern auch auf Hinweise nach möglichen Abwehrmechanismen der Bienen. Wichtiger als die absolute Zahl an Toten Varroa-Milben ist die Veränderung zur vorherigen Zählung. Es gibt Völker, die mit einer recht hohen Milbenlast umgehen können, die sie irgendwie konstant halten. Solche Völker behalte ich genauer im Auge, behandle aber nicht unbedingt sofort. Wenn ich sprunghafte Anstiege bei der Milbenlast feststelle, kann das ein Signal sein, daß die Bienen die Varroa nicht mehr im Griff haben. Allerdings muß man sich die toten Milben genau ansehen, denn es kann auch genau das Gegenteil bedeuten, nämlich, daß sie ihren Feind erkannt haben und bekämpfen.
Diese befalls-orientierte Behandlungsstrategie zeigt nun erste Erfolge. In 2024 konnte ich erstmals bei einem Volk auf die Winterbehandlung verzichten, in 2025 sind alle Völker ohne Winterbehandlung ausgekommen.
